Als ich das zweite Mal auf der Intensivstation lag, da beachtete ich nicht das Drumherum, oder die nette Dame hinter der Trennwand direkt neben meinem Bett, oder gar beachtete ich, dass ich nicht annähernd krank war, wie es wohl jeder andere dort gewesen ist. Ich sah weder den Schmerz und das Leid der Patienten, noch machte ich mir darüber Gedanken, welches Leben sie wohl führten. Nichts dergleichen drang in meinen Kopf, nichts schlug derart in mein Herz ein, dass ich Mitleid empfand, einzig die Reanimation gegenüber meines Bettes ließ meinen Körper ein wenig schwanken und merkwürdig wirken. Die Ärzte und Schwestern haben es geschafft den älteren Mann wieder zurück ins Leben zu holen, doch das ist mittlerweile über ein halbes Jahr her und wer weiß, was aus ihm geworden ist, ob er immer noch dieses qualvolle Leben erleiden muss? Heute sehe ich das alles etwas anders. Heute, nach 234 Tagen die mittlerweile vergangen sind und mich verändert haben, denke ich über dieses Drumherum nach. Ich sehe tagtäglich die Menschen die krank sind und deren Angehörige mit Tränen in den Augen aus den Zimmern schreiten um mit der Ungewissheit wieder nach Hause zu fahren. Ich sehe die Werte auf den Monitoren und spüle die Körper mit lauwarmen Wasser ab, um ihnen wenigstens etwas das Gefühl geben zu können, ich kümmere mich um sie. Ich bringe Mahlzeiten und füttere den einen oder anderen, manchmal dauert es bis zu zwei Stunden, bis sie den Fraß runtergewürgt haben. Ich erlebe die schlimmsten Zeiten dieser Menschen mit und stehe oft vor Patienten mit offenen Bäuchen und Wunden und wirklich ekelhafte Dinge bekomme ich zu sehen. Jetzt gerade zum Beispiel sitze ich neben einen jungen Mann, der fixiert ist und die Beatmungsmaske in seinem Gesicht gespannt hat. Seine Werte sind schlecht und das liegt mit Sicherheit an dem Alkohol. Denn als ich das zweite mal auf der Intensivstation lag, da ging es mir annähernd schlecht. Nicht dieses Schlecht, dass die Menschen im höheren Alter erfühlen. Mehr das Schlecht von vor dem Tod, als ich mein eigenes Leben beenden wollte und es nicht schaffte und zu schwach für diesen Schritt der Vollendung war. Mehr das Schlecht, dass ich nichts mit der Zukunft anzufangen wusste und heute blicke ich auf genau die Menschen, dessen Leid ich beinahe nachvollziehen kann. Das erste Mal als ein Patient starb, fing ich an zu weinen. Als ich das erste Mal bei einer Operation dabei war, schwappten meine Beine beiseite. Und als ich das erste Mal einen Patienten verabschiedete, der wieder zurück in sein Heim durfte, erblühte in mir das Glück und zugleich Sehnsucht nach dem Gefühl etwas vollbracht zu haben. Und es ist nicht der Tod, sondern das Leben nach der Krankheit.
<3
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